Friedemann – Go East

Want to study this episode as a lesson on LingQ? Give it a try!

In this podcast my parents talk about why they decided to move to Eastern Germany after the German reunification. (In diesem Beitrag diskutieren meine Eltern ihre Beziehung zum östlichen Teil Deutschlands.)

So, hallo.

Das Band rollt wieder.

Und wir haben ja in den letzten Beiträgen uns viel über die deutsche Wiedervereinigung unterhalten und heute denk ich mal können wir vielleicht mit einer ganz persönlichen Geschichte dazu wieder einsteigen.

Wir sind ja alle groß geworden im westlichen Teil von Deutschland im Ruhrgebiet.

Und ihr seid ja denn vor einigen Jahren in den Osten gezogen.

Wenn ich Leute heute aus meinem Freundeskreis das erzähl, gehen die immer davon aus, dass wir aus dem Osten kommen.

Weil denk ich da die Vorstellung vorerst in den Osten zieht ja keiner freiwillig.

Was war denn da eure Motivation?

Ja, ich bin ein Kind des Ostens.

Und zwar aus fast des fernen Ostens.

Ich bin nämlich in Schlesien geboren und war 3 Jahre alt bei Kriegsende und bin dann in Thüringen gestrandet mit dem Zug der Flüchtlinge.

Und hab da lange gelebt.

Als Kind.

Als Kind, ja.

6 Jahre lang.

Für mich eine wahnsinnig lange und eigentlich sehr schöne Zeit und meine Mutter, die wusste aber ganz genau, also hier kommt man auf keinen grünen Zweig.

Hier geht’s nicht voran und sie hatte also ganz viele Westkontakte.

Leute die aus Schlesien dann schon in den Westen gegangen waren.

Und die schickten ihr dann immer Päckchen mit Schokolade und allen schönen Westsachen.

Und dann hat sie dann also gesagt, wir wollen jetzt hier weg und das machen wir in den Sommerferien wenn die…

In welchem Jahr war das denn?

Das war 1951.

Da warst du 9.

Da war ich 9 Jahre alt.

Ja, also dem ist noch vorhergegangen, dass meine Mutter unbedingt ihre beiden ältesten Kinder wegschicken wollte und die haben das dann, mein Bruder hat das dann auch versucht 1949 wahrscheinlich oder so.

Der hatte sich dann irgendwie dumm angestellt und wurde geschnappt und wieder zurück geschickt und musste 50 Mark Strafe bezahlen.

Das muss man sich vorstellen, da war so eine Grenze, wo eben Polizei herum lief, Russen oder Deutsche und wenn die Leute gesehen haben die da rüber laufen wollten mit Gepäck, wurden die festgenommen.

Ja, und es gab ja sowieso noch den kleinen Grenzverkehr.

Es gab immer noch Leute, die damals im Osten wohnten und im Westen arbeiteten und so.

Also die Grenze war noch einigermaßen durchlässig.

Im nächsten Jahr dann, hat meine Mutter meine beiden ältesten Geschwister wieder angestachelt.

Ihr müsst gehen.

Ihr sollt hier nicht bleiben.

Und da haben die das so gemacht, dass sie zu einem Bauern gegangen sind an der Grenze.

Der hatte also Felder direkt im Grenzgebiet und meine Geschwister haben also ihr Gepäck auf einen Heuwagen gepackt und unter irgendwelchen Decken versteckt und dann sind die mitgezogen an die, auf dieses Feld.

Haben da mitgearbeitet und haben dann immer geguckt, wie ist die Lage, ist die Luft rein und sind dann im geeigneten Moment losgelaufen mir ihrem Gepäck…

Aber da gab’s keinen Stacheldraht und keine Minen und das was später so die Welt so von der innerdeutschen Grenze kannte.

Das gab’s alles nicht.

Ja, ja.

Genau.

Wann ist die Mauer noch mal gebaut worden?

´61.

Ja, ja, Das war, also das war um die 1950.

Also 1951 dann war meine Mutter nur noch mit meiner Schwester und mir in Thüringen und da sagte sie dann, lasst es uns machen wenn die Sommerferien sind.

Dann merkt der Lehrer dass nicht gleich in der Schule das ihr fehlt und dann haben wir das wirklich in den Sommerferien gemacht und meine Mutter hat alles verschenkt, verkauft.

Was sie noch hatte, die paar Habseeligkeiten und ein bisschen hat sie dann auch zurück gelassen zum Nachschicken.

Was eine Nachbarin ihr dann nachschicken sollte und dann sind wir also, da war meine erste lange Zugfahrt, an die ich mich erinnere über Halle und dann ja, wie hieß der Ort Hötensleben?

Und da wohnten also Verwandte direkt an der Grenze und ein Nennonkel sagte dann zu mir, also ein Onkel der mit mir wohl nicht verwandt war, aber sich als Onkel bezeichnen ließ, der sagte zu mir: Karin, ich zeig dir jetzt mal England.

Höh, dachte ich.

Wie England?

Wie das?

Ist da das Wasser jetzt gleich zu sehen oder was?

England ist ja eine Insel.

Naja, jedenfalls, er ging mit mir auf den Boden nach ganz oben und ich guckte da aus dem Fenster und sagte: Guck, da drüben ist England.

Natürlich meinte er die Englisch besetzte Zone und ja.

Das haben die, unsere Kinder und Enkel kennen das gar nicht mehr, dass wir als Kinder noch gelernt haben, die Stadt liegt in der und der Zone und man sagte ja auch nicht DDR, man sagte sowjetische Zone, wie amerikanische Zone und so, ne?

Ja, ja.

Die 4 Zonen.

Naja.

Jedenfalls wir sind dann auch irgendwann in der Mittagszeit durch so ein Gelände geschickt worden, wo in der Ferne auch irgendwelche Wachsoldaten standen, die aber wohl ihren Job auch nicht so furchtbar ernst nahmen.

Jedenfalls, wir sind da gut durchgekommen und hatten ein bisschen Herzklopfen, aber dann war’s auch vorbei, ne.

Aber du hast dann etwas Schönes, dieses Dorf da in Thüringen, was du geliebt hast, also zurückgelassen.

Ja, ja.

Genau.

Und deswegen hatte ich immer irgendwie einen Zug dahin.

Ich wollte zurück und das war ja auch ein Grund warum wir dann, nach dem du in Ruhestand gegangen bist, dann in Osten wieder gegangen sind.

Das war, das war der Grund weshalb du gerne mitgegangen bist.

Ja.

Für mich war’s ein bisschen anders.

Ich habe ja keinen Lebensabschnitt in der früheren DDR gehabt, sondern ich komme ja auch aus Schlesien und bin ja nur 2 Jahre älter als du.

Aber für mich war’s so, dass die Erwachsenen mit mir geflohen sind gleich bis ganz in den Westen geflohen sind damals aus Schlesien durch die Tschechoslowakei hindurch nach Bayern.

Und das war meine erste Station als Kind in Westdeutschland und danach habe ich immer nur in Westdeutschland gelebt.

Es gibt da also keinen Ort in der DDR, wo ich jetzt irgendwie mit dem Herzen verwurzelt wäre.

Die einzige Adresse, die ich kannte in der DDR war Schwerin.

Da wohnte eine Nenntante, wie du einen Nennonkel hattest, die mir immer zu Weihnachten und zum Geburtstag Päckchen schickte.

Sonst hab ich mit der DDR nix gehabt und hab eigentlich auch ganz wenig gewusst.

Und später, als wir dann hier hin gezogen sind, hab ich das so gemerkt, dass ich eigentlich gar nichts gewusst hab.

Die Leute, die uns zuhören den sollte ich sagen, ich bin hier hin gezogen, weil ich hier im Zusammenhang meines Berufes in der Kirche einen besonderen Auftrag übernommen hab nach meiner Pensionierung in Westdeutschland, der es mit sich bringt, dass ich hier viel reisen muss.

Und mir ist das die ganzen Jahre so gegangen, also berühmte Städte, wo berühmte Leute Schiller, Goethe, Hendel, weiß ich was, lauter so Größen der Kulturgeschichte gewirkt haben.

Die Namen kannte man alle, aber man ist nie da gewesen.

Das erste Mal Weimar.

Das erste Mal Jena.

Das erste Mal Halle.

Das erste Mal Leipzig und so weiter und so weiter.

Und das war für mich seit 2002 richtig ein Nachholen.

Ich fand das immer komisch, dass ich dachte, zur Not kann ich eine Stadtführung machen in Madras in Indien, kenne ich inzwischen ein bisschen.

Aber Magdeburg, wo wir, jetzt habe ich Magdeburg gesagt, wissen die Zuhörer nicht.

Die Leute hier sagen Magdeburg und im normalen Deutschen sagt man Magdeburg.

Und wenn man Magdeburg sagt, verrät man damit, dass man hier aus der Gegend ist und für unsere Ohren oder für deine Ohren, klingt das ja immer noch ein bisschen komisch, ne?

Ist denn hier heute alles besser als damals in DDR?

Was ist das für eine Frage?

Also die Leute, wenn die alten Leute, die so alt sind wie wir, die hier ansässig sind, viele von denen schimpfen wie die Besenbinder.

Und sagen, was früher alles besser gewesen ist.

Meinetwegen dieses Gesundheitssystem mit den medizinischen Zentren oder das Wichtigste heute natürlich, dass jeder irgendeine Beschäftigung gehabt hat.

Also ganz viele Sachen.

Kinderbetreuung.

Ja.

Stimmt ja auch.

Hier in dem großen Dorf gibt es keine einzige Einrichtung, die speziell jetzt für Kinder von der öffentlichen Hand angeboten würde, aber würdest du eine Abstimmung machen und sagen, wir lassen uns jetzt mit, von Skotty irgendwie in die Vergangenheit biemen oder so.

Ich glaube, da würden die meisten vorher aussteigen.

Das ist einfach die Tendenz alter Leute über die Gegenwart zu meckern und die Vergangenheit schöner zu reden als sie ist.

Außerdem hat’s ja in jedem Ort und auch in diesem Dorf zur Zeiten der DDR die damals typischen Konfrontationen gegeben.

Zwischen den Leuten, die eben in kleinerem oder größerem Maße Funktionäre des Regimes waren und denen die anders leben wollten.

Und das schlägt ja durch bis heute.

Aber was mich jetzt, aber was ich mich immer frage ist, was für ein Unrechtsregime war das denn wirklich?

Ist das so zu sehen wie Nordkorea?

Wahrscheinlich nicht.

Aber ich mein, es gibt speziell auch in den USA, ich hab viele Freunde dort.

Dort ist glaub ich die Meinung vorher schon, dass wirklich ein fürchterliches Unrechtsregime war und ich muss sagen nach dem auch letzten, zuletzt gab’s ja auch eine Reihe Filme auch in deutschen Kinos, die das Thema wieder beleuchtet hatten und hab schon gedacht, dass ist hier schon ein Unrechtsland gewesen, oder?

Natürlich war’s das.

Bloß eine Unterscheidung müssen glaub ich wir Deutschen immer zuerst machen, bevor wir anfangen darüber zu reden.

Der Vergleich mit dem Naziterror ist völliger Blödsinn.

Also der ist, der ist historisch nicht haltbar.

Es hat in der DDR keine Tötungs- und Vernichtungsmaschinerie gegeben.

Es ist keine Bevölkerungsgruppe die dem Staat missliebig war zu vielen Tausenden umgebracht wurden.

Also das bleibt ein für alle Zeiten ein entscheidender Unterschied.

Auf der anderen Seite, ich kann mir nicht vorstellen, dass ich, was die Leute ja damals mussten, bei jedem Menschen den ich treffe mir überlegen, ist der ein Spitzel oder ist der keiner.

Finde ich also ganz scheußlich.

Und zum Beispiel, ich bin ja nun evangelischer Pfarrer von Beruf zu wissen, dass die Kinder unserer Familien, also der Familien, der aktiv christlichen Familien in der DDR einen hohen Preis bezahlt haben für ihre Weltanschauung.

Also häufig trotz allerbester Leistungen in der Schule nicht studieren durften und so.

Das sind einfach Dinge, die kann man, da kann man so viel Klassenstandpunkt heißt das, hieß das glaub ich, kann man da einnehmen wie man will, dieses Ergebnis ist einfach nicht akzeptabel.

Ja, auch diese Beeinflussung der Kinder von klein auf brave Staatsbürger zu werden und immer ja die, die richtigen, naja, Verhaltensweisen an den Tag zu legen und so.

Das ist also eine Pädagogik vor der es einem ja heute graust, ne?

Naja, und dann siehst du halt Bilder aus der Vorschule noch Kindergarten oder den Schuleingangsklassen, Kinder die dann in Spielzeug, Tretautos in Tretpanzern gesteckt werden und dann, weiß ich was, Freundschaft mit der Sowjetunion spielen sollen oder so.

Ich find das, das ist also nun wirklich keine Erziehung zur Friedfertigkeit oder so.

Ja, nee.

Also auf der anderen Seiten muss man sagen, wir haben das…

Naja, ich find wir machen hier ordentlich Schluss.

Nicht so mitten im Satz.

Du darfst den Satz auch noch zu Ende sagen.

Nee, sag noch.

Wir sind noch auf Sendung.

Der Satz ist weg.

Gut, gut.

Dann verabschieden wir uns für heute mal wieder.

Gut.

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